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2. Technische Grundlagen

2.3. Belichtungsmessung

Benutzt man nun nicht den manuellen Modus, sondern verlässt sich auf die Teil- oder Vollautomatik der Kamera, kommt ein weiteres Feature ins Spiel: Die Belichtungsmessung. Sie sorgt dafür, dass Verschlusszeit, Blende und ISO in Einklang stehen, wenn sich die Kamera um mindestens eines davon selbst kümmern muss. Bevor wir uns die vier einstellbaren Methoden der Belichtungsmessung genauer anschauen, wollen wir noch einen kurzen Blick auf die Logik dahinter werfen.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Ein ausgeglichen belichtetes Bild: Das Histogramm ist auf keiner Seite scharf abgeschnitten, die Helligkeitswerte aller Bildpixel verteilen sich über die volle Bandbreite. (23 mm, Blende 8, 1/2500 s, ISO 1000)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de
Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Ein deutlich zu dunkel belichtetes Bild: Das Histogramm ist hier extrem nach links verschoben. Was normalerweise vermieden werden sollte, nämlich ganze Bildbereiche ohne jede Zeichnung ins Tiefschwarze (oder Reinweiße) abgleiten zu lassen, wurde hier allerdings absichtlich gemacht. Fast alle Pixel des Bildes haben extrem niedrige Helligkeitswerte bis zu reinem Schwarz, weshalb das Histogramm links wie abgeschnitten wirkt. (400 mm, Blende 2.8, 1/4000 s, ISO 100)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Die erklärt sich am besten anhand des Histogramms, das hier an zwei Beispielen veranschaulicht wird. Das Histogramm gibt die Helligkeitsverteilung aller Pixel eines Bildes an – von ganz links, für sehr dunkle bis schwarze Bereiche, bis ganz rechts, wo die hellen bis weißen Bereiche dargestellt werden. Ist ein Bild und damit also die Mehrzahl seiner Pixel sehr dunkel, verschiebt sich der "Haufen" nach links. Bei einem sehr hellen Foto entsprechend nach rechts. Ist das Bild ausgeglichen belichtet, wird dies im Histogramm durch eine sehr breite Verteilungskurve dargestellt, die den ganzen Bereich von links bis nach rechts abdeckt. Normalerweise sollte vermieden werden, dass die Verteilungskurve links oder rechts "abgeschnitten" wird, also größere Bildbereiche tiefschwarz oder reinweiß sind. Wenn das passiert, ist in diesen Bildbereichen keinerlei Zeichnung mehr vorhanden, es sind komplett einfarbige Farbflächen. Gewünscht wird dieser Effekt bei Low- und High-Key Aufnahmen. Dabei wird, wie hier auch beispielhaft gezeigt, ein Bild absichtlich so dunkel beziehungsweise hell belichtet, dass nur noch einzelne Bildbestandteile, wie Lichtsäume oder Schatten, zu sehen sind. Die Technik wird vorrangig in der People-Fotografie angewandt, kann aber auch im Sport mal für ein Feature gut sein.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Überbelichtungswarnung: Das extreme Gegenlicht der Sonne sorgt für ausgefressene Bildbereiche, die farblich gekennzeichnet werden. Zur Veranschaulichung habe ich auch den dafür ausschlaggebenden Histogrammteil rot markiert. (108 mm, Blende 3.2, 1/3200 s, ISO 400)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Der Regelfall sollte allerdings ein ausgeglichenes Historgamm sein, in dem jeder Bildbereich ausreichend Zeichnung aufweist. Fast jede Kamera kann zur Kontrolle das Histogramm für bereits geschossene Bilder einblenden – im Live-View-Modus oft auch für das Live-Bild. Viele Kameras bieten darüberhinaus eine Über- und Unterbelichtungswarnung an, die "ausgefressene" Bereiche farblich hervorhebt. Dabei werden die Bildflächen markiert, bei denen das Clipping auftritt: einfarbige Flächen ohne jede Zeichnung. Das selbe Feature bieten viele Bildbearbeitungsprogramme – nur ist es dann meistens schon zu spät.

Die Belichtungsautomatik versucht nun immer, das Bild – oder zumindest den Teil davon, den die Belichtungsmessung betrachtet – möglichst ausgeglichen zu belichten. Sie will also die Verteilungskurve des Histogramms möglichst gleichmäßig über die ganze Bandbreite von hell bis dunkel ziehen. Zielt man mit der Kamera auf einen Haufen Schnee – eigentlich ein größtenteils weißes Motiv – wird die Belichtungsautomatik also versuchen, dieses Bild ausgeglichen zu belichten. Das Ergebnis: Der Schnee wird grau. Umgekehrt: Zielt man auf eine schwarze Wand, wird die Belichtungsmessung versuchen auch dieses Motiv gleichmäßig zu belichten. Die Wand wird also ebenfalls grau. Für die Belichtungsautomatik ist das in diesen Situationen einfach ein guter Kompromiss aus zu hell (Histogramm nach rechts verschoben) und zu dunkel (Histogramm nach links verschoben). Die Belichtungsautomatik kommt also immer dann ins Straucheln, wenn in ihrem Messbereich ein sehr dunkler oder sehr heller Bildbestandteil dominiert. Sie arbeitet umso zuverlässiger, je größer die Bandbreite von Helligkeitswerten im Messbereich ist und je ausgeglichener sich diese verteilen.

Soweit zum grundlegenden Verständnis. Damit wird nun auch klar, warum die verschiedenen Messmethoden in der Praxis auch zu verschiedenen Ergebnissen führen werden. Sie unterscheiden sich im Prinzip nur in der Auswahl der Bildteile, die sie zur Messung heranziehen:

Alle Messmethoden haben ihre Vor- und Nachteile und sollten situationsbedingt eingesetzt werden.

Mehrfeld-/Matrixmessung

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Die Matrixmessung nutzt alle, hier beispielhaft 63, Messfelder zur Belichtungsmessung. Dieses Methode kam bei diesem Foto auch wirklich zum Einsatz. Alle anderen Messmethoden hätten durch das sehr mittige, direkte Gegenlicht zu dunkel belichtet.

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Die Mehrfeldmessung versucht ein möglichst ausgeglichenes Gesamtbild herzustellen. Befindet sich aber in einem eigentlich unwichtigen Teil des Bildes, z.B. oben im Eck, ein stark im Sonnenlicht reflektierendes Fenster, wird die Kamera dies berücksichtigen und eine entsprechend kürzere Verschlusszeit wählen. Damit wird natürlich auch das Motiv in der Bildmitte entsprechend dunkler abgebildet. Für gleichmäßig beleuchtete Bildmotive ist diese Methode häufig die beste Wahl – zum Beispiel bei bewölktem Himmel. Man liegt damit selten grob daneben, kann aber besondere Lichtsituationen oft nicht adequat wiedergeben.

In der Mehrfeldmessung steckt die meiste Intelligenz – wobei dies, wie bei jedem "Computer", immer ein zweischneidiges Schwert ist. Die meisten Kameras berücksichtigen zum Beispiel das ausgewählte Autofokusfeld sowie weitere Bildbereiche, in denen ein Objekt im Schärfebereich liegt. Die Messmethode geht davon aus, dass alles in der Schärfeebene tendenziell wichtiger ist als andere Bereiche und damit entsprechend mehr Gewicht bei der Belichtungsmessung erfahren soll. In vielen Fällen führt das auch zu ordentlich belichteten Ergebnissen. Es sind aber auch Situationen denkbar, in denen die Kamera aufgrund ihres Rechenalgorithmus völlig nebensächliche Bildbereiche als wichtig erachtet und die Belichtung zu Lasten des eigentlichen Motivs verschiebt. Mit der Mehrfeldmessung liegt man also meistens nicht ganz falsch, aber auch nicht immer ganz richtig. Sie ist der Allrounder unter den Messmethoden und vor allem dann anzuwenden, wenn man nicht explizit mit außergewöhnlichen Lichtsituationen spielen möchte.

Selektivmessung

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Die Selektivmessung nutzt nur einen kleinen Teil der Messfelder, die je nach Kamera rund 5 bis 10 % der Bildfläche abdecken.

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Die Selektivmessung beschränkt sich auf einen deutlich kleineren Teil des Bildes – abhängig vom Kameramodell meistens zwischen 5 und 10 % der Bildfläche. Der Messbereich liegt normalerweise in der Bildmitte, kann bei manchen Kameras aber auch an den aktiven Autofokuspunkt gekoppelt werden. Grundsätzlich eignet sich diese Messmethode damit für relativ große Hauptmotive, die sich in ihrer Helligkeit deutlich vom Hintergrund unterscheiden. Die Mehrfeldmessung würde dann dem Hintergrund, trotz Kopplung an die Autofokuspunkte, zuviel Beachtung schenken – ein Fußballer mit hellem Trikot vor einer dunklen Tribüne wird daher von der Matrixmessung tendenziell überbelichtet. Die Selektivmessung dagegen ist in solchen Situationen oft die besser Wahl.

Mittenbetonte Integralmessung

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Die mittenbetonte Integralmessung nutzt einen recht großen Bereich von Messfeldern, gewichtet diese zur Mitte hin aber deutlich mehr.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Die mittenbetonte Integralmessung funktioniert ähnlich wie die Selektivmessung, trägt aber auch den Bildteilen außerhalb des zentralen Messbereichs noch Rechnung. Sie geht davon aus, dass sich das Motiv in der Bildmitte befindet und die Bildecken weniger wichtig sind. Entsprechend gewichtet die Kamera die Bildmitte höher, während die umliegenden Bereiche mit steigendem Abstand zur Mitte immer weniger Beachtung finden. Bei "besseren" Kameras kann der Mittelpunkt der Integralmessung an den aktiven Autofokuspunkt gekoppelt werden, was die korrekte Belichtung des Motivs (auf dem ja in der Regel der aktive AF-Punkt liegt) zusätzlich unterstützt. Bei Einsteigerkameras ist der Mittelpunkt meist fix.

Spotmessung

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Die Spotmessung nutzt nur einen winzigen Bildausschnitt zur Messung, der je nach Kamera zwischen 1 und 3 % der Bildfläche abdeckt.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Bleibt die Spotmessung, die nur einen kleinen Bildausschnitt bei der Belichtungsmessung berücksichtigt – je nach Kamera meist nur zwischen 1 und 3 % der Bildfläche. Dies kann z.B. hilfreich sein, wenn man ein recht kleines Motiv vor einem großen, in starkem Kontrast dazu stehendem Hintergrund ablichten möchte. Wenn wir wieder das Beispiel mit dem Fußballer bemühen: Stellen wir uns vor, der Spieler steht von der Sonne angestrahlt vor der riesigen, komplett im Schatten liegenden Südtribüne des Dortmunder Westfalenstadions. Um die beeindruckende "Wand" mit abzulichten, soll der Spieler nur winzig klein im Bild sein und die Tribüne schön dunkel. Die Spotmessung ermöglich es nun, dass nur dieser kleine Spieler zur Belichtungsmessung herangezogen wird. Alle anderen Messmethoden würden der dunklen Wand zu viel Gewicht einräumen und versuchen, sie ausgeglichen zu belichten. Damit würde das Bild insgesamt heller und der Spieler im Vordergrund überstrahlt. Darüberhinaus gilt das selbe, wie bei der Integralmessung: Teurere Modelle ermöglichen in der Regel, die Spot-Belichtungsmessung mit dem aktiven Autofokuspunkt zu verknüpfen, bei Einsteigermodellen ist dies meist nicht möglich.

Wer eine Kamera besitzt, die die Belichtungsmessfelder nicht an den Autofokus koppelt, und die Spotmessung auf ein Motiv außerhalb der Bildmitte anwenden möchte, kann sich zumindest in manchen Situationen behelfen. Durch Drücken und Gedrückthalten der AE-Taste, die die meisten Kameras besitzen, lässt sich die Belichtungsmessung speichern und übertragen. Man schwenkt also mit der Bildmitte auf das Motiv und drückt die AE-Taste. Diese lässt man nicht los, bis man das Bild entsprechend komponiert – zum Beispiel, in dem der Spieler jetzt links unten im Eck steht – und ausgelöst hat. Das Bild wurde nun so belichtet, wie es zuvor die Messung mit dem Spieler in der Bildmitte ergeben hat. Diese Methode eignet sich natürlich nur bei statischen Motiven und damit eher selten bei typischen Actionszenen.

Eine andere Option ist natürlich – und dies gilt für alle Messmodi – die Belichtungskorrektur. Darüber lässt sich die automatische Belichtungsmessung um bis zu fünf Blendenstufen noch oben oder unten korrigieren. Eine Funktion, die man schnell lieben lernt und auf ein entsprechend leicht zugängliches Einstellrad der Kamera legen sollte.