Info

3. Die richtige Ausrüstung

3.2. Kameras

Die Objektivwahl wurde hier ganz bewusst vor der Frage nach dem richtigen Kameragehäuse platziert. Denn ein hochwertiges Objektiv trägt zu einem gelungenen Foto wesentlich mehr bei als ein topaktuelles Profi-Gehäuse. So kann zwar eine brandneue Kamera mit gutem Rauschverhalten in Sachen Bildqualität durchaus eine Blende kompensieren, in dem man die ISO einfach höher schraubt – Freistellung und Autofokusgeschwindigkeit durch mangelnde Lichtstärke des Objektivs leiden aber dennoch. Selbst Einsteiger-Spiegelreflexkameras bieten heute ein ausreichend gutes Autofokussystem – zumindest auf dem mittleren Kreuzsensor – um im Servo-Modus auch schnelle Sportarten scharf ablichten zu können. Außer eben das Objektiv ist der Flaschenhals – dann hilft auch das beste Kameragehäuse nichts.

Damit wurde nun vielleicht auch schon eines klar: Hier soll es hauptsächlich um digitale Spiegelreflexkameras ("DSLRs") gehen. Auf die zunehmend populären und technisch immer ausgefeilteren spiegellosen Systemkameras mit Wechselobjektiven komme ich am Ende dieses Kapitels noch zu sprechen. Kompaktkameras mit fest verbautem Objektiv möchte ich an dieser Stelle ganz außen vor lassen. Auch bei diesen Modellen hat sich in den letzten Jahren viel getan, und ein gelungener Glückstreffer ist auch damit immer zu landen, für zuverlässig qualitative Sportfotografie sind sie heutzutage aber leider noch nicht geeignet.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Schnelle Bewegung mit langsamen Gehäuse: Bei diesem Foto kam eine Canon 350D Einsteigerkamera mit nur einem Kreuzsensor zum Einsatz. Dank eines schnellen 300 mm 2.8 Objektivs trotzdem kein Problem für den Autofokus. (300 mm, Blende 3.2, 1/4000 s, ISO 100)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Autofokus

Das Autofokussystem ist sicher eine der wichtigsten Komponenten für die Sportfotografie. Zwar gibt es Sport- und Actionfotografie nicht erst seit der Erfindung des Autofokus, aber gerade in diesem Punkt vermisst kaum jemand die manuellen Zeiten. Den meisten DSLRs, von Einsteigermodellen bis zu Profigehäusen, haben eines gemeinsam: Sie besitzen zumindest einen Kreuzsensor in der Bildmitte. Neben Kreuzsensoren gibt es auch Zeilen- bzw. Liniensensoren. Kreuzsensoren erfassen sowohl horizontale als auch vertikale Kontrastunterschiede und messen damit deutlich präziser als Zeilensensoren, die nur in eine Richtung arbeiten. Natürlich unterscheiden sich auch die mittleren Kreuzsensoren in puncto Genauigkeit zwischen Profi- und Einsteigermodellen, aber prinzipiell sind sie alle geeignet, um auch schnellen Sport abzulichten. Autofokussysteme werden umso besser, je mehr Kreuzsensoren sie besitzen. Dies ermöglicht zum einen eine präzisere Messung über mehrere Sensoren, zum anderen kreativere Bildgestaltung durch Auswahl von Sensoren außerhalb der Bildmitte. Besonders bei schlechten Lichtbedingungen setzen sich deswegen Mittel- und Oberklassekameras von Einsteigerkameras hinsichtlich der AF-Geschwindigkeit ab. Für die meisten Einsatzzwecke, auch im Sport, tut es allerdings der Kreuzsensor in der Mitte. Im Eifer des Gefechts wird man eh meistens mit dem mittleren Sensor arbeiten und die Bilder erst im Nachgang passend zuschneiden.

Generell sollte man also zunächst in hochwertige, lichtstarke und schnelle Objektive investieren und mit einem Einsteiger- oder Mittelklasse-Gehäuse kombinieren, als sich für teures Geld ein brandaktuelles Profi-Gehäuse zu kaufen und mit einem untermotorisierten Objektiv als Flaschenhals zu arbeiten. Zumal hochwertige Objektive in der Regel nicht nur deutlich preisstabiler sind als Gehäuse, die spätestens nach zwei Jahren technisch komplett überholt sind. Gute Objektive überleben bei der richtigen Wahl und Behandlung auch leicht mehrere Gehäusegenerationen.

Sensorgröße und Bildqualität

Wo früher ein beliebig austauschbarer Film seinen Dienst verrichtet hat, sitzt heute ein fest verbauter digitaler Bildsensor – meistens die teuerste Komponente einer digitalen Spiegelreflexkamera. Da der Sensor bei Nichtgefallen nicht einfach gewechselt werden kann, sollte man von Anfang an darauf achten, was er leisten kann und soll. Grundsätzlich lassen sich Bildsensoren zunächst in der Größe unterscheiden. Dabei wird man vor allem drei Hauptformaten und einem Sonderfall begegnen: die meisten Einsteigerkameras verfügen über einen APS-C-Sensor, der ungefähr 23 auf 15 mm groß ist. Ungefähr deshalb, weil sich die Hersteller hier minimal, aber nicht wesentlich, unterscheiden. Aktuelle Top-Kameras verfügen fast alle über einen Vollformatsensor in der Größe des klassischen Kleinbildfilmformats: 36 x 24 mm. Auch Canon ist bei seinem Topmodell für Sport- und Pressefotografen, der 1D, mittlerweile auf dieses Format gewechselt. Frühere Modelle der 1D, die auch heute noch häufig im Einsatz sind, hatten einen Sensor im APS-H-Format mit Maßen von etwa 27,9 mm × 18,6 mm. Bei den Mittelklassekameras ist das Feld heute gespalten – hier kommen sowohl Kleinbild- als auch APS-C-Format zum Einsatz. Das letzte typische Format schließlich ist Four-Thirds. Dieser Standard ist noch mal deutlich kleiner als APS-C und weißt nebenbei das Bildformat 4:3 statt 3:2 auf. In der ambitionierten Sportfotografie trifft man Four-Thirds nur sehr selten an, da die Auswahl an sporttauglichen Objektiven relativ gering ist.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Dieses Bild soll veranschaulichen, wie sich die gängigen Sensorformate von DSLRs unterscheiden. Mit dem selben Objektiv und der selben Brennweite hätten sich, ausgehend von einer Kamera mit Kleinbildsensor, die eingezeichneten Bildausschnitte ergeben.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Welche Vor- und Nachteile haben nun die verschiedenen Sensorgrößen? Kameras mit kleinen Sensoren sind zunächst in der Anschaffung günstiger. Auch gibt es für sie neben den klassischen Kleinbild-Objektiven auch eigene, auf den kleineren Bildkreis maßgeschneiderte Linsen, die meistens ebenfalls günstiger sind. Dafür werden auf der kleineren Sensorfläche von den Herstellern als Verkaufsargument meistens genauso viele Bildpunkte zusammengepfercht, wie auf großen Vollformatsensoren. Was im Werbekatalog toll klingt, führt in der Praxis allerdings zu negativen Effekten. Packt man 24 Megapixel auf einen Four-Thirds- oder APS-C-Sensor, muss jeder Bildpunkt deutlich kleiner ausfallen, als 24 MP auf einem Vollformatsensor. Dies führt zu höherer Rauschanfälligkeit bei hohen ISO-Empfindlichkeiten und einem geringeren Dynamikumfang. Große Sensoren, auf denen einzelne Pixel und die Abstände dazwischen größer sind, bieten neben besserem Rauschverhalten und mehr Dynamik zudem eine bessere Freistellung. Natürlich haben mehr Pixel nicht nur Nachteile. Es kann durchaus angenehm sein, besonders wenn man mit Festbrennweiten arbeitet, nachträglich noch einen sehr kleinen Bildausschnitt zu wählen, der trotzdem noch eine druckfähige Auflösung bietet. Man sollte sich beim Kauf aber nicht nur von Megapixeln blenden lassen, die meisten Kameras bieten davon mehr als genug. Entscheidend ist, welche Qualität die Summe all dieser Pixel – das Bild – am Schluss hat.

Bildfrequenz

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Sechs Bilder in weniger als einer Sekunde – die eingesetzte Kamera schafft 8 Bilder pro Sekunde. Bei vielen Sportarten lässt sich so der perfekte Moment später einfach auswählen. (400 mm, Blende 2.8, 1/1600s, ISO 200)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Auch hinsichtlich der Bildfrequenz unterscheiden sich Kameragehäuse gravierend. Während manche Einsteigergehäuse gemächliche 3 Bilder pro Sekunde schaffen, rattert der Verschluss von High-End-Gehäusen bis zu 14 Mal pro Sekunde. Die langsamere Bildfolgezahl von 3 bis 5 Bildern pro Sekunde bei einem Einsteigergehäuse lässt sich allerdings durch geschicktes Timing oft recht gut kompensieren. Das ist in vielen Situationen auch oft sinnvoller ist als mit 14 Bildern pro Sekunde nach der "spray and pray"-Methode draufzuhalten und zu hoffen, ein passender Moment werde schon dabei sein. Denn mancher Sport ist schlicht zu schnell dafür: Selbst bei 10 Bildern pro Sekunde kann die Pause zwischen zwei Fotos zu lange sein, um den entscheidenen Moment einzufangen. Kennt man die Auslöseverzögerung seiner Kamera und die typischen Abläufe des Sports dagegen gut, kann man von Hand mit einem einzigen Foto den richtigen Zeitpunkt oft besser erwischen. Nichtsdestotrotz kann eine hohe Bildfrequenz und kurze Auslöseverzögerung grundsätzlich nie schaden.

Belichtungsmessung

Heutzutage eigentlich kein großes Thema mehr. Alle heute gängigen Kameras beherrschen die im Kapitel 2.3 beschriebenen Belichtungsmodi, ihre Genauigkeit und individuelle Anpassbarkeit unterscheiden sich allerdings. Hochpreisige Kameramodelle verfügen in der Regel über mehr Messsegmente, was besonders bei Integral- und Spotmessung etwas genauere Ergebnisse liefert. Diese Kameras bieten zudem meist die Möglichkeit, die wenigen Belichtungsmessfelder der Spot- und Integralmessung an das aktivierte Autofokusfeld zu koppeln, sodass immer auf das Bildobjekt belichtet wird, auf das auch fokussiert wird. Da man bei Einsteigerkameras in der Regel aber ohnehin mit dem mittleren AF-Sensor arbeitet, stört es auch nicht allzu sehr, dass die Spotmessung auch nur in diesem Bereich messen kann. Dieses Thema nur der Vollständigkeit halber – mir ist keine aktuelle DSLR bekannt, bei der die schlechte Belichtungsmessung ein Killer-Kriterium wäre.

Verschluss und weitere Verschleißteile

In der Sportfotografie schießt man eine unglaubliche Menge an Fotos – der Großteil davon ist Schrott. Dank riesiger, günstiger Speicherkarten ist das erstmal auch kein Problem. Zu Filmzeiten wäre es noch ein nervenaufreibender und teurer Spaß gewesen, bei einem Fußballspiel 800 Bilder durchzujagen. Ganz ohne Folgekosten ist das exzessive "Draufhalten" heute allerdings auch nicht. Eine Kamera und ihre Objektive besitzen eine Vielzahl von mechanischen Komponenten, die von Natur aus Verschleißteile sind. Das empfindlichste davon ist der Verschluss. Je nach Kameramodell ist er vom Hersteller auf eine bestimmte Lebenszeit ausgelegt. Bei ihren aktuellen Profimodellen geben Canon und Nikon eine Haltbarkeit von mindestens 300.000 Bildern an – das sollte für das ein oder andere gute Sportfoto reichen. Ein Hobby-Fotograf wird selten auf diese Menge kommen, bevor er sich nicht eh aus ganz anderen Gründen eine neue Kamera kaufen will.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Eines der letzten Bilder einer Canon 1D Mark III mit kaputtem Verschluss. Allein wegen diesem Risiko haben Profis mindestens zwei Gehäuse im Gepäck. (200 mm, Blende 8.0, 1/400s, ISO 1000)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Trotzdem sollte man darauf achten, dass der Verschluss einer Kamera zumindest auf 100.000 Auslösungen ausgelegt ist. Zwar geben die Hersteller in der Regel keine Garantie, die über die gesetzliche Pflicht hinausgeht, allerdings verhalten sie sich bei früher eintretetenden Verschlussproblemen oft kulant. Abgesehen davon ist auch die Chance, vorzeitig mit einem kaputten Verschluss am Spielfeldrand zu sitzen, einfach geringer, wenn der Verschluss von Haus aus auf eine hohe Zahl von Auslösungen ausgelegt ist. Meistens sind auch andere mechanische Teile, wie Spiegel oder Knöpfe, bei Kameramodellen ab der Mittelklasse deutlich langlebiger konstruiert als bei Einsteigermodellen. Beim Gebrauchtkauf ist die Zahl der bereits getätigten Auslösungen daher eine der wichtigsten Informationen, die man sich vom Verkäufer geben lassen sollte.

Weitere Eigenschaften

Ein integrierter Blitz ist in der Sportfotografie nur in Ausnahmefällen nötig. Wenn man einen Blitz einsetzen will, sollte man schon aus Leistungsgründen lieber zu einem externen Aufsteckblitz greifen. Auf das bei Einsteigerkameras meist integrierte Lichtlein kann man also getrost verzichten (→ Blitzen).

Die meisten Kameras verfügen heute über eine Live-View-Funktion, bei der der Spiegel hochklappt und der Bildsensor ein Livebild auf dem Monitor ausgibt. Das kann in wenigen Situationen durchaus praktisch sein – wenn man zum Beispiel Perspektiven erreichen will, bei denen man nicht mehr durch den Sucher schauen kann. Zu beachten dabei ist aber, dass durch das Hochklappen des Spiegels auch kein ordentlicher Autofokus mehr zur Verfügung steht. Die meisten Modelle bieten im Live-View einen Kontrastautofokus oder eine Gesichtserkennung, die aus dem Livebild errechnet wird. In Präzision und Geschwindigkeit kein Vergleich zu den klassischen AF-Sensoren. Für die Sportfotografie ist das Feature sicher kein Muss – die meisten neueren Kameras bringen es aber eh von Haus aus mit.

Tipps für DSLR-Gehäuse
Preissegment
Canon
Nikon
Sony

Spiegellose Kameras

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Zwei Kameras mit Vollformat-Sensor und 35 mm 1.4 Objektiv: Sony Alpha 7 II und Canon 5D Mark III. Von der Kompaktheit der Spiegellosen können Sportfotografen nur träumen – es sei denn, sie geben sich mit langsamen oder gar keinem Autofokus zufrieden.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Abschließend noch ein Wort zu spiegellosen Kameras. Davon gibt es heutzutage grundsätzlich hervorragende Modelle, wie die Sony Alpha 7- oder die Fujifilm X-Serie. Viele dieser Kameras können in Sachen Bildqualität locker mit Spiegelreflexgehäusen mithalten und sind dabei deutlich kleiner und leichter. Beim Autofokus hinken sie heute allerdings meist noch etwas hinterher. Aktuelle Modelle arbeiten zwar durchaus mit einem Phasen-Autofokus, der deutlich präziser ans Werk geht als der früher übliche Kontrast-Autofokus (bei letzterem wurden Kontrastunterschiede auf dem Bildsensor genutzt, was für Sport deutlich zu schwerfällig ist). Sie sind für viele Sportanwendungen allerdings immer noch nicht soweit gediehen, wie die hochspezialisierten AF-Systeme von Spiegelreflexkameras. Was bei vielen Motiven, wie People oder Landschaft, kaum einen Unterschied macht, wird bei schnellbewegten Sportarten doch deutlich spürbar.

Das könnte sich allerdings dramatisch ändern, wenn die nächste Generation der Spiegellosen mit ihrer Vorreiterin, der Sony Alpha 9, in der Praxis hält, was sie verspricht. Dann könnten Spiegellose künftig den Spiegelreflexkameras auch bei ihrem letzten echten Alleinstellungsmerkmal den Rang ablaufen: Dem unübertroffenen Autofokus. Denn theoratisch sind DSLRs sogar im Nachteil: Der AF einer Spiegelreflex funktioniert nur bei heruntergeklapptem Spiegel. Zwischen Serienfotos ist also immer ein mechanischer Spiegelschlag notwendig, die Kamera hat dann nur Milisekunden Zeit den Autofokus zwischen den Bildern nachzuführen. Das bleibt Spiegellosen, zumindest wenn sie dank elektronischem Verschluss obendrein noch auf den mechanischen Verschlussvorgang verzichten können, erspart. Bisher konnten Spiegellose diesen Vorteil allerdings nicht wirklich ausspielen, weil die AF-Systeme selbst deutlich hinter denen der DSLRs hinterherhinkten. Sony hat sich nun auf die Fahne geschrieben, die Kräfte in diesem Bereich deutlich zu verschieben. Noch hat sich die Alpha 9 allerdings nicht in der Praxis beweisen können – und andere Hersteller können vergleichbare Technik noch nicht mal auf dem Papier liefern. Spiegelreflexkameras bleiben damit zumindest vorerst noch das Maß aller Dinge in der schnellen, Autofokuslastigen Sportfotografie. Mal sehen, wie lange noch!