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4. Bildtechniken und Effekte

4.2. Mitzieher und lange Verschlusszeiten

Das Gegenteil der im letzten Kapitel beschriebenen eingefrorenen Actionszenen sind Bilder mit langer Verschlusszeit. Die Technik ist besonders geeignet, um die Schnelligkeit und Dynamik einer Sportart zu betonen. Dies gelingt entweder durch mitziehen – also das Motiv vor einem verwischten Hintergrund abzubilden – oder dem vorbeiziehen lassen – wenn das Motiv durch seine Bewegung vor einem statischen Hintergrund verwischt. Hier ist neben technischem Verständnis und handwerklicher Präzision auch ein gewisses Maß an Kreativität gefragt.

Mitzieher

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Mitziehen betont die Dynamik selbst bei relativ gemächlichen Sportarten wie dem Dauerlauf. Durch den verwendeten Aufsteckblitz wurde der Läufer zusätzlich eingefroren, der nicht angeblitzte Hintergrund verwischt. (16 mm, Blende 3.5, 1/13 s, ISO 200, Blitz)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Lange Verschlusszeiten werden im Sport meistens für Mitzieher verwendet: Man schwenkt die Kamera mit einem einigermaßen schnell bewegten Motiv mit – durch die relativ lange Verschlusszeit verwischt dabei der Hintergrund. Je länger die Verschlusszeit und je schneller das Motiv, desto extremer und eindrucksvoller wird der Effekt: das Motiv legt dadurch während der Belichtung eine besonders lange Strecke zurück, der Hintergrund wird zu umso längeren, verwischten Farblinien auf das Bild komprimiert. Je länger die Verschlusszeit, desto schwieriger wird es allerdings auch, das Motiv selbst dabei nicht zu verwackeln.

Die Geschwindigkeit des Bildmotivs spielt also eine entscheidende Rolle. Je schneller es sich bewegt, desto kürzer kann die Verschlusszeit sein, um dennoch einen ausreichenden Wischeffekt zu erhalten. Ist das Motiv dagegen eher gemächlich unterwegs, ist eine umso längere Verschlusszeit nötig, um eine vergleichbare Wirkung zu erzielen. Den Zusammenhang kann man sich einfach vorstellen: Ist ein Fahrzeug mit 90 km/h unterwegs, legt es in 1/20 Sekunden fünf Meter zurück. Belichte ich also 1/20 s lang, verwische ich den Hintergrund dieser fünf Meter Bewegung. Ist das Motiv nur halb so schnell, also 45 km/h, benötigt es für die fünf Meter auch doppelt so lang: 1/10 Sekunden. Entsprechend muss man auch 1/10 s lang belichten, um den selben Verwischeffekt zu erzielen. In der Praxis ist ein Mitzieher mit 1/10 s deutlich anspruchsvoller als mit 1/20 s, weil die Gefahr deutlich steigt, dass man dem Bildmotiv nicht mehr gleichmäßig folgen kann und es dadurch selbst verwischt.

Es gibt natürlich einige Tipps und Hilfsmittel, die die Chance auf einen perfekten Mitzieher deutlich erhöhen: um Verwackler in senkrechter Richtung zu vermeiden, ist einerseits eine ruhige Hand von Vorteil. Ein Trick dabei ist, einmal tief ein- und wieder auszuatmen. In der Zeitspanne vor dem erneuten Einatmen hält man die Kamera in der Regel besonders ruhig. Zuverlässiger ist die Verwendung eines Einbeinstativs, das gleichzeitig eine ideale Achse für die Kameradrehung darstellt. Ebenfalls hilfreich ist ein Bildstabilisator in Objektiv oder Kamera, wenn er einen Mitzieh- bzw. Schwenkmodus besitzt. In diesem Modus werden nur Bewegungen senkrecht zur Schwenkrichtung ausgeglichen, während man seinem Motiv in Bewegungsrichtung unbehelligt folgen kann. Das verhindert zumindest senkrechte Verwackler – in der Waagrechten muss man dem Motiv natürlich immer noch möglichst exakt folgen. Bei stabilisierten Canon-IS-Objektiven nennt sich diese Mitzieher-Einstellung zum Beispiel "Mode 2". Nikon-Objektive mit VR-Bildstabilisator erkennen Mitzieher sogar automatisch.

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Mitzieher beim Triathlon mit langer Brennweite und relativ langer Verschlusszeit – dank sehr kleiner Blende und niedriger ISO-Empfindlichkeit. Ein Bildstabilisator hat geholfen.(300 mm, Blende 18, 1/60 s, ISO 200)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Lange Brennweiten erleichtern das Mitziehen aus mehreren Gründen, obwohl mit ihnen auch die Gefahr des senkrechten Verwackelns steigt: Meistens nimmt bei ihrer Verwendung das Hauptmotiv viel Platz im Bild ein. Je größer ein Motiv im Bild ist, desto weniger fallen kleine Unschärfen ins Gewicht. Ist das Motiv dagegen nur sehr klein im Bild, wirkt sich jede Ungenauigkeit im Schwenk umso schwerwiegender aus. Bei langen Brennweiten spielt es außerdem eine geringere Rolle, ob das Motiv während der Belichtung seinen Abstand zur Kamera leicht verändert. Einerseits, weil das Motiv in der Regel ohnehin so weit weg ist, dass wenige Zentimeter Abstandsänderung relativ betrachtet zu vernachlässigen sind. Andererseits, weil Telebrennweiten nur einen marginalen Verzerrungseffekt haben. Verändert sich dagegen der Abstand eines sich nahe an der Kamera vorbeibewegenden Motivs währed man ein Weitwinkel benutzt, kommt es zu deutlichen Verzerrungseffekten – vor allem an den Bildrändern. Richtig eingesetzt, kann ein Weitwinkel durch seinen Verzerrungs- effekt aber durchaus interessant sein, es ist nur etwas mehr Übung erforderlich. Einfacher wird es, wenn man das Motiv mit einem Blitz in einem Bruchteil der eigentlichen Verschlusszeit einfriert, während der weiter entfernte und dadurch nicht angeblitzte Hintergrund wie gehabt verschwimmt.

Ein weiteres Hilfsmittel ist die Serienbildfunktion, am besten mit einer Kamera mit hoher Bildfrequenz. Da die "langen" Verschlusszeiten für einen Mitzieher – wir bewegen uns je nach Motiv in der Größenordnung zwischen 1/5 und 1/100 Sekunde – immer noch vergleichsweise kurz sind, kann man während eines Bewegungsablaufes oft eine kleine Bildserie schießen. Das erhöht die Chance, dass zumindest bei einem der Fotos das Motiv perfekt mitgezogen wird und alles scharf ist, was scharf sein soll. Auch das ist mit langen Brennweiten übrigens leichter: Hier dreht man sich bei jedem Foto nur um einen kleinen Winkel, wodurch alle Bilder einer Serie immer noch relativ ähnlich aussehen. Verwendet man ein Weitwinkel und befindet sich das Motiv sehr nah vor der Kamera, ist eine deutliche weitere Drehung notwendig. Dann kann es zum Beispiel passieren, dass ein schneller Rennradler auf dem ersten Foto noch frontal, auf dem zweiten schon seitlich und auf dem dritten nur noch von hinten zu sehen ist. Verwendbar ist dann meist von Haus aus nur eines der drei Bilder – wenn es denn scharf ist.

Verwischtes Motiv

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Indoor-Radrennen: Mit einer langen Verschlusszeit von 1/40s wurde der Fahrer zu einer verwischten Silhouette. (30 mm, Blende 4.5, 1/40 s, ISO 400)

Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de

Lange Verschlusszeiten lassen sich auch vewenden, um gezielt das Hauptmotiv zu verwischen. Das wirkt besonders mit einem gut beleuchteten, vielleicht noch bunt gekleideten Akteur vor dunklem oder eintönigen Hintergrund spannend. Es eignet sich besonders dann als Gestaltungsmittel, wenn es bei dem Foto gar nicht auf einen bestimmten Akteur ankommt, sondern beispielsweise die Masse der Sportler oder eine Bewegung dargestellt werden soll (→ Feature). Dies kann besonders bei Sportarten mit ungleichmäßigen oder drehenden Bewegungen zu interessanten Aufnahmen führen. Die Umsetzung ist denkbar einfach, da man hier nicht der Bewegung des Sportlers folgen muss, sondern die Kamera still hält und die Bewegung durch das Bild huschen lässt.

Umsetzung

Zum Fotografieren mit langer Verschlusszeit eignet sich besonders die Blendenautomatik (→ Automatikmodi). Da die wichtigste Vorgabe für den gelungenen Mitzieh- oder Verwischeffekt die Verschlusszeit ist, sollte man diese Einstellung selbst vornehmen und durch Ausprobieren anpassen. Blende und ISO kann man meistens getrost der Kamera überlassen. Die Blende ist meistens egal, bei Mitziehern beeinflusst sie lediglich die Schärfe der verwischten Linien. Und die ISO-Empfindlichkeit wird man vor allem im Freien meistens ohnehin so niedrig wie möglich einstellen müssen, da sonst eine Verschlusszeit von beispielsweise 1/20 s kaum zu erreichen ist. In Extremfällen kann hier sogar der Einsatz eines Graufilters notwendig sein.